Schule ist ein wichtiger Standortfaktor

Florian Kretzschmar denkt Schule neu. Als Lehrer, Lernraum-Entwickler und Schulbauberater begleitet er Veränderungsprozesse dort, wo Pädagogik auf Architektur trifft – zum Beispiel im Rahmen des Projekts „Pädagogische Architektur“ vom QU-LIS NRWIm Interview spricht er über Taschenlampen-Blickwinkel, Trampoline als Lernorte – und darüber, warum gutes Zuhören das Fundament jeder Schulentwicklung ist. Ein Gespräch über Räume, die Kinder stark machen, und über die Frage, wie sich die größte Investitionswelle im Schulbau seit Jahrzehnten sinnvoll gestalten lässt.

»Wir haben 60 Millionen Bundestrainerinnen und Bundestrainer in Deutschland. Aber Bildung ist schlimmer. Über 80 Millionen Menschen in Deutschland wissen, wie Schule funktioniert.«

Florian Kretschmar macht sich als Lehrer für den Schulbau stark. Wir haben desalb mit ihm darüber gesprochen, warum Schule nicht nur ein Bildungsort ist, sondern auch ein Lebensraum, ein sozialer Mikrokosmos – und mitunter ein entscheidender Standortfaktor für ganze Regionen.

Bis 2030 rechnet man in den deutschsprachigen Ländern mit Investitionen von mehr als 67 Milliarden Euro im Schul­bau. Das ist eine Menge Geld, das weitsichtig ausgegeben werden sollte. Was können Sie als Schulbauberater dazu beitragen? 

Florian Kretzschmar: Als Schulbauberater baue ich die Brücke zwischen Pä­dagogik und Architektur. Denn egal, ob Neu- oder Umbau, raumbezogene Schulentwicklungsprozesse bergen ein riesi­ges Potenzial, um für Gelingensbedingungen bei Schulbau­prozessen zu sorgen. Diese Chance wird nämlich allzu oft verschenkt, weil wir mit viel zu engen Blickwinkeln arbeiten. Es ist, als würden wir mit einem kleinen Taschenlampenstrahl durch die Dunkelheit auf die Schule schauen und dabei nur einen winzigen Teil der Realität erleuchten. Jeder von uns hat seine eigene Taschenlampe - seine eigene Sichtweise -, die von seinen Erfahrungen und seiner Sozialisation geprägt ist. Doch um das volle Bild zu sehen, müssen wir unsere Lichter zusammenschalten und durch viele verschiedene Au­genpaare blicken. Nur so können wir die verborgenen Ecken erhellen und die blinden Flecken aufdecken, die unsere Sicht einschränken. Um das zu ermöglichen, frage ich immer nach: Wo will eure Schule hin? Wie wollt ihr künftig arbeiten, lehren und lernen? Wie wollt ihr Zukunft gestalten und wel­chen Beitrag möchtet ihr als Schule dazu leisten? 

»Die Architektur allein macht noch keine moderne Schule. Es braucht eine Entwicklung, die Raum und Pädagogik miteinander verbindet.«

Das klingt nach einer intensiven Beteiligung ... 

Florian Kretzschmar: Ohne geht es nicht. Doch wenn wir alle an Schule und dem Bauprozess Beteiligten an einen Tisch bekommen, gelingt die Aneignung der gebauten Ergebnisse und sie funktionieren langfristig. Für mich ist es tatsächlich ent­scheidend, ein intensives Verständnis für die Bedürfnisse und Bedarfe aller Stakeholder zu entwickeln. Meine wichtigste Aufgabe liegt daher im Zuhören und darin, die Informatio­nen in eine Sprache zu übersetzen, die sowohl Pädagogin­nen und Pädagogen als auch Architektinnen und Architekten verstehen können. Stellen Sie sich vor, ein Schulträger plant einen Umbau oder Neubau und ein Kind sagt: "Ich lerne Mathe am besten auf dem Trampolin!" Für viele Erwachsene mag das absurd erscheinen, aber für das Kind könnte es einen wichtigen Beitrag zur Schulerfahrung darstellen. Die Herausforderung besteht darin, die Bedürfnisse der Kinder zu verstehen und sie ernst zu nehmen, ohne sie zu unter­schätzen oder abzutun. Selbst in jungen Jahren können Kinder deutlich machen, was sie brauchen, um glücklich und erfolgreich zu sein. Es ist wichtig, sie in Entscheidungs­prozesse einzubeziehen und ihre Perspektiven zu berücksich­tigen, auch wenn Erwachsene manchmal Schwierigkeiten haben, sie zu verstehen.

Deshalb ist es so wichtig, dass Fachleute wie Sie den Prozess als Übersetzer begleiten.

Florian Kretzschmar: Dazu brauchen mich aber nicht nur die Kinder. Nehmen wir nur die Worte „Raum" und „Freiraum". In der Architektur haben sie eine bestimmte Bedeutung, in der Pädagogik eine ganz andere. Die Herausforderung besteht darin, die unter­schiedlichen Kontexte zu verstehen und die Bedarfe hinter den Begriffen einander verständlich zu machen, um Miss­verständnisse zu vermeiden. Als Schulbauberater sitze ich bildlich gesprochen zwischen allen Stühlen und helfe dabei, die Bedürfnisse aller Beteiligten zu berücksichtigen und ein qualitativ hochwertiges Ergebnis zu erzielen.  Sie sprachen zu Beginn von der Schulentwicklung. 

»Mit der Gestaltung der Schulräume von heute, prägen wir unsere Zukunft von morgen.«

Wie sieht sie denn aus, die zukunftsweisende Schule?

Florian Kretzschmar: Ich zeichne mal ein Bild, wie sie aussehen sollte: Die Schule der Zukunft hat Innen- und Außenräume, die mehr sind als nur Orte zum Lernen. Sie sind lebendige Umgebun­gen, die Kinder inspirieren, schützen und ihnen Raum zum Entfalten bieten. Sie haben die Möglichkeit, sich zurückzu­ziehen, sich zu bewegen und die richtige Situation zu finden, in der sie am besten lernen können. Diese Räume sind entscheidend, um die Gesundheit der Kinder zu fördern und ihnen das Gefühl von Zugehörigkeit zu vermitteln. Denn wer sich mit dem Schulgebäude identifizieren kann, wird gern zur Schule gehen und kann dort seine Potenziale entfalten.

Jetzt müssen nur noch diejenigen überzeugt werden, die an den entscheidenden Hebeln sitzen. Wie kann das gelingen?

Florian Kretzschmar: Durch gute Argumente. Eine gut gestaltete Schule kann ein Standortfaktor sein und das Wachstum der Gemeinde fördern, weil Eltern am liebsten dorthin ziehen, wo sich ihre Kinder wohlfühlen und gut entwickeln.