Olpe diskutiert die Stadt von morgen

OLPE, 20. Juni 2026. Wie verändert sich eine Stadt, wenn Flächen knapp werden, Klimafolgen sichtbarer werden und sich die Anforderungen an Wohnen, Arbeiten und öffentliche Räume verändern? 40 Teilnehmende, darunter auch Bürgermeister Tobias Schulte, haben Orte vom ehemaligem Schell-Gelände bis zum Marktplatz besucht.

Sechs Stationen, sechs sehr unterschiedliche Orte – und immer wieder dieselbe Frage: Was ist bereits da, welche Möglichkeiten liegen darin und wie kann sich Stadt weiterentwickeln, ohne ihre eigene Geschichte und Identität aus dem Blick zu verlieren?

Eine anschließende digitale Befragung hat diesen Blick erweitert. 42 Menschen beteiligten sich zwischen dem 20. Juni und dem 3. Juli, darunter 15 Teilnehmende des WEST und 27 Menschen, die den Rundgang nicht mitgemacht hatten, die Orte aber kennen. Zwei Drittel der Rückmeldungen kamen damit aus dem Umfeld des Walks. Die Ergebnisse zeigen ein bemerkenswert klares Bild: Die Bindung an Olpe ist groß. Die Erwartungen an die gebaute Zukunft sind es ebenfalls. Uneinig ist man sich vor allem darüber, in welcher baulichen Hülle diese Zukunft stattfinden soll.

Stadtentwicklung unter veränderten Bedingungen

Stadtentwicklung findet heute unter anderen Bedingungen statt als noch vor wenigen Jahrzehnten. Versiegelte Flächen verstärken Hitzeentwicklungen in Innenstädten, Starkregen stellt bestehende Infrastrukturen vor neue Herausforderungen. Gleichzeitig verändern sich Nutzungen: Während der Bedarf an Büroflächen in vielen Städten sinkt, gewinnen innerstädtisches Wohnen, Aufenthaltsqualität und gemeinschaftlich nutzbare Räume an Bedeutung.

Damit rückt der Bestand stärker in den Mittelpunkt. Gebäude, Flächen und Infrastrukturen werden als Ressource betrachtet: als etwas, das weitergenutzt, umgebaut, ergänzt oder mit neuen Funktionen versehen werden kann.

Dieser Perspektivwechsel wird häufig als Bauwende beschrieben. Gemeint ist eine Verschiebung der Prioritäten: Nicht automatisch neu bauen, sondern zunächst prüfen, was vorhanden ist und welche Möglichkeiten darin liegen.

Der WEST in Olpe machte diese Frage an konkreten Orten sichtbar.

Vom Industrieareal zum Wohnquartier

Am ehemaligen Schell-Gelände an der Finkenstraße wurde der Wandel vom Industrie- zum Wohnstandort konkret erfahrbar. Das Areal liegt innerhalb des bestehenden Stadtkörpers, Infrastruktur und Wegebeziehungen sind vorhanden. Nun wird die Fläche schrittweise zu einem Wohnstandort entwickelt.

Durch das Gelände führte der Architekt Tobias Hermes, der die Entwicklung des Quartiers gestaltet. Hermes leitet die ARCHIFAKTUR, eine Werkstätte für Architektur im Sauerland und Südwestfalen. Sein Verständnis von Architektur stellt den Menschen und seine Bedürfnisse in den Mittelpunkt.

„Die Finkenstraße ist ein Beispiel dafür, dass verantwortungsvolles Bauen Zeit braucht. Wir haben hier nicht auf der grünen Wiese geplant, sondern mit einem vorhandenen Ort gearbeitet: Aus einem ehemaligen Industrieareal wird Wohnraum, und der Bestand trägt eine neue Aufgabe. Genau solche Projekte sind ökologisch, städtebaulich und gesellschaftlich wertvoll – aber sie sind auch komplex.“
Dass Wohnen für Olpe eine zentrale Zukunftsfrage ist, bestätigt auch die anschließende Befragung. Über alle genannten Ortsideen und Zukunftswünsche hinweg nannten 21 der 42 Befragten Wohnen. Das entspricht der Hälfte der Antworten.

Ein neues Rathausquartier und die Frage nach öffentlicher Mitte

Die nächste Station führte zum ehemaligen Bahnhofsareal. Hier soll in den kommenden Jahren das neue Rathaus entstehen. Im WEST wurde der Ort jedoch nicht allein als Bauplatz betrachtet. Im Mittelpunkt stand vielmehr die Frage, welche Rolle ein Rathaus heute in einer Stadt übernehmen kann.

Ein Verwaltungsgebäude kann mehr sein als ein funktionaler Ort der Verwaltung. Es kann Treffpunkt, Orientierungspunkt und Teil einer öffentlichen Mitte sein. Damit stellt sich zugleich die Frage nach dem Verhältnis zu den bereits vorhandenen Zentren: zur Altstadt, zum Marktplatz und zu den öffentlichen Räumen entlang der Bigge.

Florian Schönauer vom [ˈska.] kollektiv ordnete die Frage aus Sicht der Bauwende ein: „Die Frage ist nicht nur, wo wir bauen, sondern welche Orte wir schaffen – und für wen. Es geht weniger ums Wachsen als ums Umbauen: Wir sollten zuerst weiterentwickeln, was schon da ist, und dabei die Menschen aktiv mitdenken lassen, die diese Räume nutzen.“
Die Befragung zeigt, dass die beiden Rathausstandorte die stärkste Aufmerksamkeit auf sich ziehen. 17 der 42 Befragten sahen das größte ungenutzte Potenzial im Rathaus von 1978. Weitere 13 nannten das ehemalige Bahnhofsareal. Zusammen entfallen damit 30 von 42 Nennungen – 71,4 Prozent – auf diese beiden Orte.

Dabei werden ihnen unterschiedliche Aufgaben zugeschrieben. Das Rathaus von 1978 wird vor allem als möglicher Wohnstandort gesehen: 14 der 17 Personen, die diesen Ort auswählten, nannten Wohnen als künftige Nutzung. Vorgeschlagen wurden unter anderem Miet- und Sozialwohnungen, altersgerechtes Wohnen, Wohnen mit Kleingewerbe sowie Kombinationen mit Working-Spaces und Gastronomie.

Das ehemalige Bahnhofsareal wird dagegen vor allem als Ort der Begegnung gedacht. Acht der 13 Antworten nennen ausdrücklich Bürgerzentrum, Begegnung oder gemeinschaftliche Nutzung. Vier wünschen sich dort vor allem Grün- und Freiflächen. Die beiden Orte bekommen damit in den Antworten unterschiedliche Rollen: Hier Wohnen, dort öffentliche Gemeinschaft.

Das bestehende Rathaus als Denkraum

Besonders intensiv wurde vor dem bestehenden Rathaus aus dem Jahr 1978 diskutiert. Der Bau steht derzeit vor dem Abriss; die politische Entscheidung dafür ist weitgehend getroffen. Dennoch wurde das Gebäude bewusst zum Ausgangspunkt einer grundsätzlichen Frage: Wie geht eine Stadt mit dem um, was bereits gebaut ist?

Aus Sicht der Bauwende ist jeder Abriss auch eine materielle Frage. Energie, Baustoffe und bauliche Strukturen werden vernichtet, während zugleich neue Anforderungen an Gebäude und Stadträume erfüllt werden müssen. Die Bewertung des Bestands ist deshalb komplex: Funktionalität, Sanierungsaufwand, Kosten, städtebauliche Ziele und baukulturelle Qualitäten müssen zusammen betrachtet werden.

Carsten Rinsdorf, Architekt und Geschäftsführer der Rinsdorf Ströcker Architekten, richtet seinen Blick auf die Besonderheiten des jeweiligen Ortes. Neue Räume sollen nicht als Solitäre entstehen, sondern sich in gewachsene Strukturen einfügen. Vor dem Rathaus beschrieb er den vorhandenen Baukörper als Möglichkeitsraum: „Wenn man genau hinschaut, erzählt ein Gebäude wie dieses viel – über seine Setzung, seine Höhen, seine Bezüge im Stadtraum. Das Tragwerk steht, die Flächen sind vorhanden. Das ist ein Möglichkeitsraum, in dem sich vieles denken ließe. Es lohnt sich immer, diese Qualitäten zu sehen, bevor man über die Zukunft eines Ortes entscheidet.“

Die Befragung macht deutlich, wie offen diese Frage in der Wahrnehmung der Teilnehmenden ist. Zehn Personen äußerten sich ausdrücklich zum Rathausgebäude von 1978. Fünf sprachen sich für Erhalt oder Umnutzung aus, vier für Abriss und Ersatz. Eine weitere Antwort plädierte für eine Abwägung zwischen Abriss und einer künftigen bezahlbaren Nutzung.

Daraus lässt sich kein Meinungsbild der Stadt ableiten. Die Stichprobe ist dafür weder repräsentativ noch groß genug. Sie macht aber einen interessanten Konflikt sichtbar: Die Argumente beziehen sich auf unterschiedliche Maßstäbe.

Wer den Erhalt des Rathauses befürwortet, argumentiert überwiegend vom Gebäude her: Was könnte in diesem Bau künftig stattfinden? Wer den Abriss befürwortet, argumentiert häufiger vom Stadtraum her: Welche Verbindung könnte zwischen Marktplatz, Bahnhofsareal und Bigge entstehen, wenn das Gebäude nicht mehr da ist?

Gebäude und Stadtraum sind damit keine Gegensätze, sondern zwei Perspektiven auf dieselbe städtebauliche Aufgabe.

Leerstand als Lernraum

Eine weitere Station richtete den Blick auf leerstehende Gebäude. Wo Nutzungen wegfallen, werden Räume häufig zunächst als Problem wahrgenommen. Der Lehrer und Lernraumentwickler Florian Kretzschmar stellte deshalb eine einfache Frage: „Warum eigentlich?“

Leerstand kann auch ein Möglichkeitsraum sein – für Bildung, Kultur, gemeinschaftliche Nutzungen und neue Formen des Lernens. Wenn Stadt als Lern- und Erfahrungsraum verstanden wird, findet Bildung nicht ausschließlich in dafür vorgesehenen Gebäuden statt.Florian Kretzschmar formulierte es so: „Wenn wir die Stadt ernsthaft als Lernraum denken, dann sind leerstehende Gebäude keine Probleme, sondern die spannendsten Klassenzimmer, die wir haben.“

Bahnhof und Bigge: mehr Raum für Aufenthalt

Am Bahnhof und entlang der Bigge verschob sich die Perspektive erneut. Hier ging es weniger um Gebäude als um Freiraum, Wasser und Aufenthalt. Fünf der sechs Befragten, die diesen Haltepunkt als Ort mit ungenutztem Potenzial auswählten, beschrieben eine grüne, wasserbezogene oder gemeinschaftliche Nutzung.

Über alle Antworten hinweg werden Grün und Wasser von 14 Personen genannt. Begegnung und Gemeinschaft kommen auf 16 Nennungen.

Damit zeichnet sich in der Befragung ein wiederkehrendes Bild ab: Die gewünschte Stadt wird nicht allein über Gebäude definiert. Sie braucht Räume, in denen Menschen bleiben können.

Olpe fühlt sich nach Heimat an – und nach Verlust

Vielleicht überraschend deutlich wird dies bereits bei der ersten Frage der Befragung. „Olpe in einem Wort – wie fühlt sich die Stadt für dich an?“ lautete sie.

41 Personen antworteten. Das häufigste einzelne Wort war „Heimat“, sechs Mal genannt. „Lebenswert“ beziehungsweise „liebenswert“ kam in sieben Antworten vor. Auch „vertraut“, „Zuhause“, „schön“, „ruhig“ und „freundlich“ finden sich.

Gleichzeitig formulieren zwölf Antworten eine ambivalente Wahrnehmung. Olpe wird als „im Umbruch“, „entwicklungsfähig“ oder „zweigeteilt“ beschrieben. Sie sei „noch sehr lebenswert, aber absteigend“ oder habe „viele Entwicklungschancen“, die bislang ungenutzt blieben.

Sieben Antworten waren eindeutig kritisch. Genannt wurden unter anderem „Betonklötze“, „gesichtslose Neubauten“ und „Zupflasterung“.

Die Kritik richtet sich dabei weniger gegen Olpe selbst als gegen die Veränderung des gebauten Ortes. Der Stadt wird Verbundenheit entgegengebracht – verbunden mit der Sorge, dass genau das verloren gehen könnte, was diese Verbundenheit begründet.

Eine Stadt für Menschen

Auch bei der offenen Frage nach der gebauten Zukunft zeigt sich dieses Spannungsfeld. Die Wünsche reichen von „Weitsicht und Nachhaltigkeit – eine Stadt für Menschen“ bis zur Forderung, endlich zu bauen und Entscheidungen umzusetzen.

Zehn Antworten fordern ausdrücklich Erhalt, Umnutzung oder Sanierung. Vier wünschen umgekehrt ausdrücklich Abriss und Ersatzneubau. Sieben Antworten sprechen sich für stärkere Beteiligung aus. Fünf nennen Bezahlbarkeit als eigenes Ziel.

In der Summe stehen damit weniger einzelne Bauprojekte im Vordergrund als Fragen nach Nutzung, Zugänglichkeit und Qualität: Wo kann gewohnt werden? Wo können Menschen einander begegnen? Wo gibt es Grün und Wasser? Wie bleibt Wohnen bezahlbar? Und wer entscheidet darüber, wie sich die Stadt verändert?

Stadtentwicklung als gemeinsamer Prozess

Zum Abschluss traf sich die Gruppe bei Kaffee und Kuchen an der Krämerei am Marktplatz. Der gemeinsame Blick auf die Stadt setzte sich dort fort.

14 der 15 tatsächlichen Teilnehmenden gaben anschließend freiwillig Feedback zum WEST. Besonders häufig wurden der Perspektivwechsel, die Kombination aus fachlichen Informationen und Diskussion sowie das Format selbst hervorgehoben.

Eine Rückmeldung bringt die Stärke und zugleich die Grenze des Formats auf den Punkt: „Zu kurz und zu viel, um ins Detail zu gehen. Manchmal ist weniger mehr! Ansonsten sehr gutes Format, um partizipativ Stadt neu zu denken.“ Für kommende WEST ist das ein konkreter Hinweis: Weniger Stationen können mehr Zeit für die Auseinandersetzung mit dem einzelnen Ort schaffen.

Der WEST hat die Zukunft Olpes nicht entschieden. Das war auch nicht sein Ziel. Er hat Orte, Perspektiven und Fragen zusammengebracht – und anschließend den Kreis derjenigen erweitert, die sich dazu äußern konnten.

„Der WEST endet nicht mit einem fertigen Plan, sondern mit einem gemeinsamen Blick“, sagt Projektleiterin Anke Leitzgen. „Wenn Fachleute und Bürgerinnen und Bürger Seite an Seite durch ihre Stadt gehen, entsteht etwas, das kein Gutachten leisten kann: ein geteiltes Verständnis dafür, welche Orte Potenzial haben.“

Vielleicht liegt darin die wichtigste Erkenntnis aus Olpe: Die Nutzungswünsche sind erstaunlich konkret. Wohnen, Begegnung, Grün, Wasser, Bezahlbarkeit und Beteiligung tauchen immer wieder auf. Offener ist die Frage, wie diese Ziele räumlich umgesetzt werden.

Oder, zugespitzt: Olpe weiß bereits ziemlich genau, was es sich für seine Stadt wünscht. Die schwierigere Frage lautet, in welchem Gebäude und an welchem Ort diese Zukunft stattfinden soll.

 

Zur Befragung
Die digitale Befragung wurde im Anschluss an den WEST Olpe vom 20. Juni bis 3. Juli 2026 durchgeführt. 42 Personen nahmen teil, davon 15 Teilnehmende des Rundgangs und 27 Personen, die nicht am WEST teilgenommen hatten. Die Ergebnisse sind nicht repräsentativ für die Olper Bevölkerung. Es handelt sich um eine selbstselektive Gelegenheitsstichprobe ohne Zufallsauswahl und ohne Erhebung soziodemografischer Merkmale.

Die geschlossene Frage nach dem Ort mit dem größten ungenutzten Potenzial wurde von allen 42 Personen beantwortet. Die Freitextantworten wurden thematisch ausgewertet. Die genannten Häufigkeiten beschreiben die Antworten der Befragten und sind nicht als repräsentatives Meinungsbild der Stadt zu verstehen.