»Räume zum Wachsen« – Warum gute Planung Kindheitswissen braucht

Kristin-Susanne Häselhoff ist Architektin und Kindheitswissenschaftlerin – eine seltene Kombination, die sie gezielt gewählt hat. Als Planerin im öffentlichen Raum und Dozentin an der Hochschule Niederrhein setzt sie sich dafür ein, dass Bildungsräume, Kindertageseinrichtungen und ganze Stadtquartiere kindgerecht gedacht und gestaltet werden. 

„Ich war schockiert über meine eigene Planungsausbildung.“

Das sagt Kristin-Susanne Häselhoff und spricht im Interview über vergessene Blickwinkel in der Architektur, die Bedeutung von Sichtachsen und Bewegungsradien. Und darüber, warum es höchste Zeit ist, die Natur zurück in die Schule zu holen.

Warum haben Sie auf das Architekturstudium noch ein Studium der Kindheitspädagogik draufgesattelt? 

Kristin-Susanne Häselhoff: Mit der Geburt meines eigenen Kindes hat mich zunächst das Thema Kindheit interessiert. Dabei stellte ich fest, dass ich als Planerin nie in Betracht gezogen hatte, dass Planung und Bauwesen für Kinder und Jugendliche spezielles Wissen erfordern könnten. Rückblickend war ich schockiert über meine Planungsausbildung vor 20 Jahren und wie ich damals geplant und gebaut habe. Zumal ich damals Grund­schulen umgebaut habe, als Ganztagsschulangebote ein­geführt wurden. Diese Erkenntnis hat mein Interesse an den Kindheitswissenschaften geweckt und mich dazu gebracht, mehr herausfinden zu wollen. Inzwischen bin ich überzeugt, dass wir als Erwachsene viel zu oft davon ausgehen, dass unsere eigenen Erfahrungen als Kind ausreichen, um die Be­dürfnisse heutiger Kinder und Jugendlicher zu verstehen und zu wissen, wie man am besten für sie plant und baut.

Inzwischen haben Sie einen Lehrauftrag an der Hochschule Niederrhein und unterrichten angehende Kindheitspädago­ginnen und -pädagogen. Was kann man sich unter diesem Berufsbild vorstellen?

Kristin-Susanne Häselhoff: Inhaltlich ist der Studiengang an Sozialpädagogik und Erziehungswissenschaften angelehnt - mit dem entscheidenden Unterschied, dass sich die Kindheitspädagogik auf das Aufwachsen von Kindern konzentriert. Die Absolventin­nen und Absolventen arbeiten in Kindertagesstätten oder im Nachmittagsbereich des Offenen Ganztags, in der Familien­beratung oder in Jugendeinrichtungen.

Welche Rolle spielt der Raum in der Ausbildung?

Kristin-Susanne Häselhoff: Anders als Architektinnen und Architekten entwerfen die Studierenden keine neuen Räume, sondern arbeiten mit dem Vorhandenen. Die Kernfrage dabei lautet: Wie verknüpft sich die Gestaltung von Bildungsräumen mit dem pädagogischen Ansatz vor Ort und den baulichen Gegebenheiten? Denn unterschiedliche pädagogische Konzepte wie der Montessori-Ansatz oder teiloffene Konzepte stellen unterschiedliche Anforderungen an die Räume. Die Studierenden beobachten daher zunächst. Sie erstellen Nutzerprofile und prüfen, ob die pädagogischen Programme effektiv umgesetzt werden können.

Wie kann man sich das ganz praktisch vorstellen?

Kristin-Susanne Häselhoff: Wir zählen die Kinder und Fachkräfte im Raum. Pro Person wird ein Bewegungsradius festgelegt, dabei nutzen wir den minimal vertretbaren Radius. Dann überprüfen wir, wie viele Quadratmeter die Möbel im Raum einnehmen. Fast immer stellen wir fest, dass der Raum mit zu vielen Möbeln überladen ist, was die Bewegung einschränkt. Anschließend analysieren wir die Laufwege und überprüfen die Sichtach­sen, die besonders für die ganz Kleinen wichtig sind, damit sie zu ihren Bezugspersonen Blickkontakt halten können. Nur so fühlen sie sich sicher genug, den Raum zu erforschen und eigene Entdeckungen zu machen. Und so finden wir Schritt für Schritt heraus, wo es Probleme gibt, und können durch geringfügige Veränderungen viel verbessern.

Gibt es auch ein typisches Beispiel, bei dem die Raum­Analyse zur Verbesserung der Lernsituation beiträgt?

Kristin-Susanne Häselhoff: In Kindertagesstätten, in der Kinder mit verschiedenen Muttersprachen die Einrichtung besuchen, kann eine schlechte Akustik durch Hall und Echo die Kommunikation und das Sprachenlernen stark beeinträchtigen. In einer solchen Umgebung könnten wichtige Teile der gesprochenen Sprache verloren gehen und das Lernen wird stark beein­trächtigt. 

Sie betrachten in Ihrer Arbeit auch den städtischen Sozial­raum als einen Raum, in dem sich Bildung und Gesundheit fördern lassen.

Kristin-Susanne Häselhoff: Ja, denn das hat wichtige Auswirkungen auf die Art und Weise, wie wir Städte planen und bauen. Ein wesent­licher Punkt dabei ist, dass wir viel zu wenig Grünflächen in unseren Städten haben. Dieser Mangel betrifft besonders die Grundschulkinder. In vielen Städten haben sie kaum die Möglichkeit, draußen in der Natur zu spielen und zu lernen.

Heißt das zum Beispiel, dass wir den Pausenhof zumindest teilweise vom Asphalt befreien, um Naturerfahrungen in die Schule zu integrieren?

Kristin-Susanne Häselhoff: Ich glaube, wir haben keine andere Wahl. Wir können Kinder nicht bis 16 Uhr institutionell betreuen, ohne ihnen Naturerfahrungen zu ermöglichen. Sie haben das Recht auf eine gesunde Entwicklung und freies Spielen. Dies ist gesetz­lich verankert. Daher müssen wir diese Raum-Ressource unbedingt anders gestalten und zum Lernen nutzen.