„Der Weg ist das Ziel“ – ein Gespräch über zehn Jahre SchlossErwachen

Senden. Seit 2015 trägt der gemeinnützige Verein Schloss Senden e.V. die Verantwortung für den Erhalt und die behutsame Entwicklung von Schloss und Park. Begleitet wird er von der Kulturstiftung Senden, die Denkmalschutz, Kunst und Kultur sowie Bildung und Wissenschaft gleichermaßen fördert. Gemeinsam verfolgen sie eine Vision: „Ein Schloss für Alle“ – offen, zugänglich und Schritt für Schritt im Sinne der Denkmalpflege saniert.

Wie dieser Weg aussieht, warum jede Bauphase ihren eigenen Charme hat und was es heißt, wenn Bürgerinnen und Bürger buchstäblich Fenster und Türen „schenken“, darüber haben wir mit Dr. Martina Fleßner, Geschäftsführung, und Sarina Werner M.A., wissenschaftliche Projektentwicklung, gesprochen.

„Fenster- und Türenspenden sind fast poetisch – sie verbinden Menschen mit dem Ort.“ Dr. Martina Fleßner
„Fenster- und Türenspenden sind fast poetisch – sie verbinden Menschen mit dem Ort.“ Dr. Martina Fleßner
„Wir entwickeln das Schloss nicht nach Investorenlogik, sondern gemeinsam mit den Menschen.“ Dr. Martina Fleßner
„Wir entwickeln das Schloss nicht nach Investorenlogik, sondern gemeinsam mit den Menschen.“ Dr. Martina Fleßner
„Ein Schloss zu retten heißt, ein Gemeinschaftswerk zu schaffen.“ Dr. Martina Fleßner
„Ein Schloss zu retten heißt, ein Gemeinschaftswerk zu schaffen.“ Dr. Martina Fleßner
„Wer hier spendet, kommt wieder, zeigt es der Familie, fühlt sich verbunden.“ Sarina Weber
„Wer hier spendet, kommt wieder, zeigt es der Familie, fühlt sich verbunden.“ Sarina Weber

Vor genau zehn Jahren, am 17. Oktober 2015, begann das „SchlossErwachen“. Können Sie uns kurz zurückholen in diese Anfangszeit?
Dr. Martina Fleßner: Damals stand es wirklich auf der Kippe – eigentlich war es schon fünf nach zwölf. Das Schloss drohte endgültig zu verfallen. Zwei Bürger aus Senden haben sich dann entschieden, ihr eigenes Vermögen einzusetzen, um das Kulturerbe zu retten. Sie wollten nicht nur für ihre Kinder vorsorgen, sondern der ganzen Region etwas hinterlassen. Ohne diese mutige Entscheidung gäbe es das Schloss heute nicht mehr.

WBK: Heute tragen viele Hände dieses Projekt. Welche Rolle spielt der Freundeskreis, den Sie aufgebaut haben?
Dr. Martina Fleßner: Eine enorme. Aus einem früheren Verein hat sich ein Freundeskreis gebildet, inzwischen über hundert Mitglieder, von denen 50 bis 60 sehr aktiv sind. Sie pflegen den Park, helfen in der Garten-Werkstatt, unterstützen bei Veranstaltungen oder bereiten Räume für Handwerker vor. Das meiste passiert still im Hintergrund, aber ohne sie wäre vieles schlicht nicht möglich.

Ein besonderes Merkmal ist vermutlich, dass Sie das Schloss von Anfang an geöffnet haben. Dazu gehört bestimmt auch etwas Mut, oder?
Sarina Werner: Uns war wichtig: keine lange Sanierung im Verborgenen und am Ende ein großes „Peng“, das Schloss ist fertig, sondern Transparenz von Beginn an. Deshalb gibt es den offenen Innenhof, den Baustellenzaun mit Infos und vor allem unser Baustellencafé. Hier kann jede und jeder hereinschauen, Fragen stellen, über den aktuellen Baufortschritt ins Gespräch kommen. „Willkommen zu gucken“ – das ist unser Motto.

„Jede Phase hat ihren eigenen Charme – sogar die mit Baugerüst und Baustellencafé.“ Sarina Werner
„Jede Phase hat ihren eigenen Charme – sogar die mit Baugerüst und Baustellencafé.“ Sarina Werner
„Zwischen Blumenbeeten und alten Bäumen zeigt sich, wie lebendig Denkmalschutz sein kann.“ Heike Schwalm, WESTFALEN BAUEN KULTUR e.V.
„Zwischen Blumenbeeten und alten Bäumen zeigt sich, wie lebendig Denkmalschutz sein kann.“ Heike Schwalm, WESTFALEN BAUEN KULTUR e.V.

Viele Menschen unterstützen das Schloss auch finanziell. Hilft die Offenheit dabei?
Dr. Martina Fleßner: Auf jeden Fall. Wir haben eine sehr lebendige Spendenkultur. Es gibt Fensterspenden, Türenspenden, manchmal sogar ganze Sanierungen, die in Erinnerung an verstorbene Partnerinnen oder Partner übernommen werden. Das schafft eine tiefe emotionale Bindung: Wer hier etwas ermöglicht hat, kommt wieder, zeigt es der Familie, fühlt sich verbunden. Das ist geradezu poetisch.

Das klingt alles unglaublich schlüssig, aber war dieses offene Konzept von Anfang an so klar?
Sarina Werner: Nein, es war und ist ein Prozess. Ideen gab es immer schon viele, aber wir wollten vor allem flexibel und auch selbst offen für den Austausch und Anregungen von außen bleiben. Vieles entsteht aus dem Ping-Pong mit den Menschen vor Ort. Wir haben daher auch kein starres Investorenmodell aufgebaut, sondern entwickeln das Schloss mit den Ressourcen, die wir haben.

Ein besonderer Baustein in Ihrem Sanierungskonzept ist die Jugendbauhütte.
Sarina Werner: Das stimmt. Die Jugendbauhütte Westfalen ermöglicht ein Freiwilliges soziales Jahrin der Denkmalpflege. Wir sind dabei sowohl Einsatzstelle als auch Projektort. Das heißt: Jugendliche restaurieren hier Holzvertäfelungen, legen Mauern frei oder arbeiten an Fenstern – immer in enger Abstimmung mit Restauratorinnen und Restauratoren. Dabei übernehmen sie viel Verantwortung, diskutieren über den Sinn der Arbeiten und identifizieren sich stark mit dem Ort. Viele kommen auch noch Jahre später wieder. Das freut uns natürlich sehr, dass sie so eine enge Beziehung aufgebaut haben.

Bei dieser umfangreichen Sanierung spielt auch die Denkmalpflege ein wichtige Rolle. Fluch oder Segen? 
Dr. Martina Fleßner: Bei uns läuft das absolut rund. Wir arbeiten mit einem Architekturbüro aus Münster zusammen und stimmen uns eng mit der Denkmalpflege ab. Für uns ist die Zusammenarbeit kein notwendiges Übel, sondern ein echter Gewinn. Wir lernen voneinander, nutzen auch viele wiederverwendete Materialien. Das passt zu unserem nachhaltigen Ansatz.

„Im Schlossgarten wächst nicht nur Grün, sondern auch Gemeinschaft.“ Dr. Martina Fleßner
„Im Schlossgarten wächst nicht nur Grün, sondern auch Gemeinschaft.“ Dr. Martina Fleßner
„Was uns vielleicht einmalig macht: Man kann einfach reinschauen, um zu sehen, wie das Schloss wächst.“ Dr. Martina Fleßner
„Was uns vielleicht einmalig macht: Man kann einfach reinschauen, um zu sehen, wie das Schloss wächst.“ Dr. Martina Fleßner

Für den Terrazzo-Boden im künftigen Café haben Sie sogar Bauschutt zermahlen. So hat selbst das Material, das nicht mehr direkt zum Bauen verwendet werden konnte, ein zweites Leben erhalten.
Dr. Martina Fleßner: Das macht uns auch richtig glücklich, dass dieses Experiment gelungen ist. Der Architekt hatte die Idee und wir haben dann diesen tollen Hersteller gefunden, der die Herausforderung angenommen hat. Und jetzt haben wir hier dieses wunderschöne Ergebnis.

Und wie geht es in den nächsten Jahren weiter?
Sarina Werner: Zwei spannende Projekte stehen an: Zum einen wollen wir auf den Schlosswiesen kleine Cabins errichten – nachhaltige Übernachtungsmöglichkeiten für Radreisende, mit Trockentoiletten. Zum anderen beginnt das große Gräftenprojekt. Ab 2026/27 soll der Wassergraben entschlammt und erforscht werden – mit Archäologie, mit Jugendlichen, mit Drohnen. Wir sehen das als Chance, erneut viele Menschen aktiv einzubinden.

Und zum Schluss noch eine ganz persönliche Frage: Was ist für Sie das Besondere am SchlossErwachen?
Dr. Martina Fleßner: ich glaube, da kann ich für uns beide sprechen: dass es ein Gemeinschaftswerk ist. Jede Phase hat ihren eigenen Charme – ob Baustellencafé, Handwerker auf dem Dach oder große Kulturveranstaltungen. Am Ende ist das Schloss ein Abbild von Gemeinschaft. Und genau das macht es lebendig.

Sarina Werner: Manche Phasen sind so schön, dass wir uns nicht von ihnen trennen können. Das Baustellencafé ist zum Beispiel eine solche Bereicherung, dass wir es auch dann weiterführen werden, wenn unser richtiges Café eröffnet wird.

 

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