»Demokratie braucht Stühle.« Wie öffent­liche Räume unser Zusammen­leben stärken

Was passiert, wenn wir einander nicht mehr zufällig begegnen? Wenn es keine Gespräche mehr beim Bäcker, keine Nachbarschaft auf der Parkbank, keinen Streit im Wartezimmer gibt? Der Soziologe Dr. Rainald Manthe erforscht, wie sehr Demokratie auf physische Nähe, auf Alltag, auf Reibung angewiesen ist. Und warum gerade gestaltete öffentliche Räume – von der Innenstadt bis zur Landgemeinde – zu Orten des Austauschs und der Anerkennung werden können. Ein Gespräch über verankerte Stühle, gelebte Unterschiede und die Frage, wie man Menschen erreicht, ohne sie zu belehren.

Herr Dr. Manthe, Sie sagen: Demokratien brauchen Infrastruktur. Was meinen Sie damit?

Rainald Manthe: Unser Blick auf Infrastruktur beschränkt sich oft auf physische Elemente wie öffentliche Verkehrsmittel, Straßen oder Rohre. Als Soziologe betrachte ich jedoch den gebauten Raum als eine Form von sozialer Infrastruktur. Meine Arbeits­these von 2019 war, dass echte Begegnungen im physischen Raum für soziale Bewegungen und demokratische Prozesse von großer Bedeutung sind. In der Pandemie wurden die alltäglichen Begegnungen stark eingeschränkt. Dabei wurde deutlich, dass etwas Wesentliches verloren gegangen war: die spontane Begegnung und der Austausch im öffentlichen Raum. Denn wer im öffentlichen Raum unterwegs ist, trifft Menschen, die anders sind als man selbst und die auch anders denken. Das Interessante daran ist: Wir erleben ihre Unterschiede und nehmen sie doch als gleichberechtigt wahr.

Warum wirkt sich das positiv auf die Demokratie aus? 

Rainald Manthe: Egal, ob es sich um den Brötchenkauf an der Straßen­ecke, die Bank auf dem lokalen Platz, den Elternabend in der Schule oder die Bahnfahrt zum Job handelt, das alles sind Orte, an denen wir uns mit anderen zumindest kurz aus­einandersetzen und unterschiedliche Perspektiven kennenernen. Hier nehmen wir andere in ihrer Unterschiedlichkeit wahr, führen Gespräche über Politik und erleben unsere eigene Meinung im Verhältnis zu anderen. Das ist Demo­kratie im Alltag. Ich nenne das ,die demokratische Irritation', weil wir von anderen irritiert werden müssen, um sie als legitime Gesellschaftsmitglieder zu begreifen. 

Was zeichnet in Ihren Augen einen guten öffentlichen Platz aus?

Rainald Manthe: Ein sehr gutes Beispiel ist der Jardin du Luxembourg in Paris, ein mit viel Geld gepflegter Park, der vieles neben­einander ermöglicht. Symbolisch hierfür sind die Stühle, die von den Besuchern frei platziert und genutzt werden kön­nen. Diese Freiheit repräsentiert die Offenheit und Vielfalt solcher öffentlicher Räume. Im Gegensatz dazu bestehen in Deutschland oft Bedenken hinsichtlich Vandalismus und Diebstahl, was zu starren und unflexiblen Gestaltungen füh­ren kann. In einigen Bereichen, wie der Bergmannstraße in Berlin, sind zwar Stühle vorhanden, jedoch sind sie aus Angst vor Diebstahl angekettet. Dies schränkt die Flexibilität ein und macht einen deutlichen Unterschied in der Nutzung aus.

In Münster ist man tatsächlich experimentierfreudig. Früher wurde an der Ostseite des Domplatzes an der Rückseite der Giebelhäuser geparkt. 2022 und 2023 wurden jedoch statt Autos 80 Stühle platziert, die alle Menschen dazu einluden, diesen kleinen Teil des zentralen Platzes als „Domplatz­Oase" flexibel zu nutzen. 

Rainald Manthe: Tatsächlich findet ein Umdenken statt, um die Innenstäd­te wieder kommunikativer zu gestalten. Den Planungsämtern ist dabei möglicherweise nicht bewusst, dass ihre Innovatio­nen auch das Demokratieerleben vor Ort unterstützen.

Westfalen ist heute das Zuhause von rund 8,4 Millionen Menschen. Fast zwei von drei Personen leben in Kleinstäd­ten, kleineren Gemeinden und Dörfern. Wie ist es auf dem Land um die Infrastruktur bestellt? 

Rainald Manthe: Deutschland ist größtenteils nach dem Zentrale-Orte­-Prinzip geplant. Das hat weitreichende Folgen für Gebiete, die weiter vom Zentrum entfernt sind und von Schrumpfung betroffen sind. In Ost-Brandenburg, Mecklenburg, Teilen der Pfalz und Nordbayern schrumpfen mit der Region auch die vorhandenen Ressourcen und Infrastrukturen. Das führt dazu, dass diese Gebiete zunehmend isoliert werden. In Westfalen ist dieser Trend weniger ausgeprägt, da die Regi­on aufgrund vieler mittelständischer Unternehmen finanziell gut aufgestellt ist. 

Trotzdem schließen Gasthäuser und damit die Mittelpunkte des Dorflebens. Vielerorts wird versucht, gegenzusteuern, gerade weil man spürt, dass die Demokratie gestärkt werden muss. Es werden daher „Demokratie-Cafes" oder „Begegnungslounges" eröffnet. Diese Initiativen erreichen jedoch nur wenige. Wie macht man es besser?

Rainald Manthe: Es stellt sich tatsächlich die Frage, warum immer wieder dieselben Methoden verwendet werden, anstatt dorthin zu gehen, wo die Menschen bereits sind. Denkbar wäre, die Bü­cherei am Supermarkt anzudocken. Von solchen Synergien könnten alle profitieren. Baumärkte werden zum Beispiel von allen Altersgruppen besucht und bringen eine Vielzahl von Menschen zusammen. Mein Vorschlag ist, an Orte zu gehen, die Menschen interessieren, um dort ins Gespräch zu kom­men, ohne politische Themen aufzudrängen. 

Weiterlesen: Rainald Manthes Buch »Demokratie fehlt Begegnung« ist eine soziologische Analyse und zugleich eine Einladung, öffentliche Räume neu zu denken. Anhand anschaulicher Beispiele zeigt er, wie Orte des Alltags zu Orten der Demokratie werden können. Für alle, die öffentliche Räume im Sinn des Gemeinwohls planen, verwalten oder gestalten möchen, liefert das Buch konkrete Impulse und Orientierung für gute Entscheidungen. Erschienen 2024 im transcript Verlag.