Heike Schwalm ist Architektin, Kulturmanagerin und Vorstandsmitglied von WESTFALEN BAUEN KULTUR. Sie setzt sich dafür ein, dass baukulturelle Bildung vielfältiger, zugänglicher und wirksamer wird – nicht zuletzt durch kreative Ausdrucksformen. In ihren Workshops im Rahmen von »JAS – Jugend Architektur Stadt« entstehen aus Papier, Bildern und Ideen ganz eigene Zukunftsentwürfe. Jugendliche fügen Farben und Formen zu Collagen zusammen und bringen ihre Sicht auf Räume ins Bild. So wird aus dem Nachdenken über Architektur ein konkreter, gestalterischer Zugang – anschaulich, eigenständig und mit Haltung.
»Gute Kommunikation ist ein Schlüssel für gut gebaute Räume.«
WBK: Wir leben in einer Zeit des rasanten Informationsaustauschs und der technologischen Innovationen. Da ist es paradox, dass die Kunst der Kommunikation in der Architektur oft vernachlässigt wird. Was geht verloren, wenn wir nicht in einen tieferen Austausch über Räume und ihre Wirkung kommen?
Heike Schwalm: Wir verpassen die Chance, die Bedeutung und den Einfluss unseres Umfelds auf unser Leben und unsere Gesellschaft zu verstehen. Ohne diesen Austausch bleiben wir möglicherweise oberflächlich in unserer Raumerfahrung und nehmen wichtige Aspekte unserer Umgebung nicht wahr. Damit besteht die Gefahr, dass wir neue Perspektiven übersehen und weniger Ideen entwickeln, die uns dabei unterstützen, unseren Raum gemeinsam besser zu gestalten und zu nutzen.
Gibt es denn eine Art Trick, der uns die Tür in eine tiefe Auseinandersetzung öffnen kann?
Heike Schwalm: Ich denke, wir brauchen eher das Gegenteil von einem Trick, nämlich bewusste Entschleunigung. Indem wir uns Zeit nehmen, um innezuhalten, unsere Umgebung bewusst wahrzunehmen und uns in Ruhe auf ein Gespräch einzulassen, können wir einen ersten Schritt in diese Richtung machen. Außerdem ist die Fähigkeit wichtig, wirklich zuzuhören. Oft neigen wir dazu, während eines Gesprächs bereits unsere eigene Antwort vorzubereiten, anstatt unserem Gegenüber ausreichend Zeit und Raum zu geben. Wenn wir uns jedoch bewusst dafür öffnen, selbst zum Resonanzraum für die Gedanken des anderen zu werden, gehen die Türen zu einem tieferen Austausch fast wie von selbst auf. In diesem Zusammenhang finde ich den Ansatz von Otto Scharmer sehr interessant.
Scharmer ist ein deutscher Ökonom am Massachusetts Institute of Technology (MIT). Wie passen seine Arbeiten zur Architekturkommunikation?
Heike Schwalm: Scharmers Arbeit zum Konzept des „presencing" bietet einen wertvollen Ansatz für die Architekturkommunikation. Durch das tiefe Zuhören und Eintauchen in den Moment können Fachleute die Bedürfnisse und Wünsche der Nutzerschaft besser verstehen. So erfassen sie verborgene Bedürfnisse und Visionen besser, die dann in den Entwürfen berücksichtigt werden können. Wer sich in der Fachwelt bewusst auf den Prozess des „presencing" einlässt, stellt sicher, dass die Ergebnisse die Bedürfnisse und das Wohlbefinden der Menschen wirklich widerspiegeln. Auf diese Weise trägt Scharmers Ansatz dazu bei, eine tiefere Verbindung zwischen den Gestaltenden und den Nutzenden der gebauten Umwelt herzustellen und damit die Qualität der Architekturprojekte zu verbessern.
»Baukulturelle Bildung braucht Entschleunigung. Also Zeit um Innezuhalten, unsere Umgebung bewusst wahrzunehmen und uns in Ruhe auf ein Gespräch einzulassen.« Heike Schwalm
Letztendlich geht es darum, eine Atmosphäre des Vertrauens und der Offenheit zu schaffen, in der wir uns sicher fühlen, unsere Gedanken und Gefühle auszudrücken. Dabei spielt sicherlich auch die Wortwahl auf Seiten der Fachwelt eine wichtige Rolle.
Heike Schwalm: In der Architektur ist es entscheidend, dass Fachleute ihre Expertise so vermitteln, dass auch Laien sie gut verstehen können. Das bedeutet, dass sie auf möglichst viele Fachbegriffe verzichten und stattdessen Wörter verwenden sollten, die leicht zu verstehen sind. Zum Beispiel könnten sie anstatt von „Bauphase" einfach von „Bauprojekt" sprechen oder „Fassadengestaltung" als „wie das Gebäude von außen aussieht" umschreiben. Es kann eine gute Idee sein, sich am Konzept der „Sendung mit der Maus" zu orientieren. Denn wenn wir komplexe Dinge so einfach erklären können, dass Kinder sie verstehen, haben wir automatisch auch die Erwachsenen mit an Bord.
In den FUTURE:WEST-Umfragen haben die Teilnehmenden aus der Fachwelt angegeben, dass sie verschiedene Methoden in der Kommunikation mit ihren Kundinnen und Kunden nutzen. Das müsste Sie freuen, denn der Vorstand von WESTFALEN BAUEN KULTUR entwickelt verschiedene Kommunikationsformate, um verschiedene Interessengruppen zu erreichen.
Heike Schwalm: Das ist tatsächlich ein ermutigendes Ergebnis, denn es zeigt eine bereits vorhandene große Sensibilität für unsere Themen in der Branche und unterstreicht den Bedarf, den wir unterstützen können. Wenn Menschen einbezogen werden, fühlen sie sich gehört und ernst genommen, was wiederum zu einem stärkeren Engagement für die gebaute Umwelt und einer größeren Bereitschaft zur Zusammenarbeit führt. In diesem Sinn ist Kommunikation nicht nur ein Werkzeug, sondern ein Schlüssel zur Gestaltung unserer Lebenswelten. Indem wir Räume für offene, respektvolle und verständnisvolle Kommunikation schaffen, können wir Brücken bauen und gemeinsam eine lebenswerte Zukunft gestalten.
Weiterlesen: 2020 fand das erste Labor „Baukulturelle Bildung – Next Level“ auf Einladung des Fachbereichs Baukultur in Remscheid statt. Akteure verschiedener Handlungsfelder waren eingeladen, ihr Erfahrungswissen zu teilen, Verbesserungsmöglichkeiten zu diskutieren und Handlungsempfehlungen zu erarbeiten, die in einer 29-seitige Dokumentation festgehalten wurden.